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Orthese
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Eine Orthese (altgriechisch áœÏÏÏÏ âaufrechtâ, romanisiert: ortho, wörtlich: âbegradigenâ, âausrichtenâ) ist ein medizinisches Hilfsmittel. Eine Orthese (Plural: Orthesen) ist âein Ă€uĂerlich angelegtes GerĂ€t zur Beeinflussung der strukturellen und funktionellen Eigenschaften des neuromuskulĂ€ren und skelettalen Systemsâ.cite-ref-3-1-0[1]
Contents
âą Klassifikation
âą Bandagen
âą Deutschland
âą Ăsterreich
âą Schweiz
âą Siehe auch
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Klassifikation
Orthesen werden nach dem internationalen Klassifikationssystem (ICS) in Klassen von vier Körperbereichen zusammengefasst.cite-ref-3-1-1[1] Es gibt die Orthesen der unteren ExtremitĂ€ten (englisch: Classes of lower limb orthoses), Orthesen der oberen ExtremitĂ€ten (englisch: Classes of upper limb orthoses), Orthesen fĂŒr den Rumpf (englisch: Classes of spinal orthoses) und Orthesen fĂŒr den Kopf (englisch: Classes of head orthoses).
Im Bereich der jeweiligen Klassen werden Orthesen nach ihrer Funktion gruppiert. Es gibt LĂ€hmungsorthesen, Entlastungsorthesen und Bandagen.cite-ref-1-2-0[2]
Die Bezeichnung einer Orthese enthĂ€lt die anatomischen Gelenke und Körperteile, die die Orthese umspannt.cite-ref-3-1-2[1] Beispielsweise umspannt eine Knie-Knöchel-FuĂ-Orthese (englische AbkĂŒrzung: KAFO fĂŒr Knee-ankle-foot orthosis) das Kniegelenk, den Knöchel und den FuĂ. Eine Rumpforthese (englische AbkĂŒrzung: TLSO fĂŒr Thorako-lumbo-sakral orthosis) betrifft die BrustwirbelsĂ€ule, die LendenwirbelsĂ€ule und das Kreuzbein.
Der Ăbergang von einer Orthese zu einer Prothese kann flieĂend sein. Ein Beispiel hierfĂŒr ist das Ausgleichen einer BeinlĂ€ngendifferenz, die dem Ersatz eines fehlenden Teiles einer GliedmaĂe gleichkommt. Ein weiteres Beispiel ist der Ersatz des VorfuĂes nach einer VorfuĂamputation. Dieses Hilfsmittel wird hĂ€ufig aus der Kombination einer Prothese fĂŒr den Ersatz des VorfuĂes und einer Orthese zum Ersatz der verlorengegangenen muskulĂ€ren Funktion hergestellt (Orthoprothese).cite-ref-3[3]
Verordnung und Herstellung
Orthesen werden als maĂgefertigte Produkte, Halbfertigprodukte oder Fertigprodukte hergestellt und angeboten.
MaĂgefertigte Produkte stehen im Vordergrund einer optimalen Versorgung.cite-ref-0-4-0[4] Bei genauer Befundung eines Patienten ergibt sich aus dem Krankheitsbild hĂ€ufig eine Kombination mehrerer funktioneller Abweichungen vom physiologischen neuromuskulĂ€ren und skelettalen System. Jede einzelne funktionelle Abweichung kann gering oder stark ausgeprĂ€gt sein. Die Kombination der funktionellen Abweichung und deren AusprĂ€gungen fĂŒhren zu einer detaillierten Indikationsstellung. Ein groĂer Vorteil der maĂgefertigten Produkte besteht darin, dass die diversen notwendigen Orthesenfunktionen bei der Konfiguration einer Orthese optimal auf die ermittelten funktionellen Abweichungen abgestimmt werden können. Ein weiterer Vorteil einer MaĂanfertigung besteht darin, dass die Passform der Orthese optimal fĂŒr die individuellen Körperformen des Patienten hergestellt wird.
Halbfertigprodukte werden fĂŒr eine schnelle Versorgung bei hĂ€ufig auftretenden Krankheitsbildern eingesetzt. Sie werden industriell hergestellt und können in einigen FĂ€llen an die anatomischen Körperformen angepasst werden.
MaĂgefertigte Produkte und Halbfertigprodukte werden in der Langzeitversorgung eingesetzt und werden nach Verordnung durch einen Arzt in der orthopĂ€dischen Werkstatt eines SanitĂ€tshauses durch ausgebildete OrthopĂ€dietechnik-Mechaniker hergestellt oder angepasst. Der Arzt definiert bei seiner Verordnung die funktionellen Abweichungen, z. B. LĂ€hmung (Parese) der Wadenmuskulatur (Musculus gastrocnemius) und leitet daraus die Indikationsstellung ab, z. B. Orthese zur Wiederherstellung der Sicherheit beim Stehen und Gehen nach Schlaganfall. Der OrthopĂ€dietechnik-Mechaniker erstellt eine erneute detaillierte Befundung und gleicht diese mit der Verordnung des Arztes ab. Er beschreibt die Konfiguration der Orthese, aus der hervorgeht, welche Orthesenfunktionen zum Ausgleich der funktionellen Abweichung des neuromuskulĂ€ren oder skelettalen Systems erforderlich sind und welche Funktionselemente dafĂŒr in die Orthese integriert werden mĂŒssen. Im Idealfall werden die notwendigen Orthesenfunktionen und die zu integrierenden Funktionselemente im interdisziplinĂ€ren Team zwischen Arzt, Physiotherapeut, OrthopĂ€dietechnik-Mechaniker und Patient besprochen. Der Patient hat die freie Wahl bei der Suche nach dem OrthopĂ€dietechnik-Mechaniker seines Vertrauens.
Fertigprodukte sind Kurzzeitorthesen oder Bandagen fĂŒr eine begrenzte Therapiedauer. Sie werden industriell meist in diversen KonfektionsgröĂen hergestellt und auch nach Rezeptierung durch einen Arzt ĂŒber das SanitĂ€tshaus abgegeben oder verkauft. HĂ€ufig können Fertigprodukte auch ĂŒber einen Versandhandel gekauft werden.
FĂŒr die Herstellung von modernen Orthesen ist es erforderlich, dass OrthopĂ€dietechnik-Mechaniker sowohl handwerkliche FĂ€higkeiten in der Verarbeitung traditioneller und innovativer Materialien sowie kĂŒnstlerische FĂ€higkeiten fĂŒr die Modellierung von Körperformen erwerben oder besitzen. AuĂerdem werden bei der Herstellung von Orthesen Kenntnisse in Anatomie und Physiologie, Pathophysiologie, Biomechanik und Ingenieurwesen kombiniert.
Orthesen fĂŒr die unteren ExtremitĂ€ten
LĂ€hmungsorthesen
Orthesen können das Leben eines gelĂ€hmten Menschen verĂ€ndern. LĂ€hmungsorthesencite-ref-6[6] werden sowohl bei LĂ€hmungen mit vollstĂ€ndigem Funktionsausfall von Muskeln oder Muskelgruppen, als auch bei unvollstĂ€ndigen LĂ€hmungen (Paresen) eingesetzt. Sie sollen funktionelle EinschrĂ€nkungen korrigieren oder beeinflussen oder Funktionen ersetzen, die in Folge der LĂ€hmung verlorengegangen sind. Auch lĂ€hmungsbedingte funktionelle BeinlĂ€ngendifferenzen können ĂŒber die Orthese ausgeglichen werden.
FĂŒr die QualitĂ€t und Funktion einer LĂ€hmungsorthese ist es von groĂer Bedeutung, dass die Orthesenschalen durch optimale Passform vollflĂ€chig im Kontakt mit dem Bein des Patienten stehen.cite-ref-16-7-0[7] Deshalb sollte eine LĂ€hmungsorthese als maĂgefertigte Orthese verordnet werden.
Niedriges Gewicht einer Orthese trĂ€gt maĂgeblich dazu bei, den Energieeinsatz fĂŒr den Betroffenen beim Stehen und Gehen zu reduzieren, weshalb beim Bau einer maĂgefertigten Orthese der Einsatz hochbelastbarer und gleichzeitig leichter Materialien, wie kohlenstofffaserverstĂ€rkter Kunststoff, Titan und Aluminium unumgĂ€nglich ist.cite-ref-16-7-1[7]
Die Herstellung einer maĂgefertigten Orthese bietet zudem den Vorteil, dass Orthesengelenke eingesetzt werden können. Durch den Einsatz von Orthesengelenken kann die Dynamik der Orthese exakt mit den Drehpunkten der Bewegungsachsen der anatomischen Gelenke der unteren ExtremitĂ€t in Ăbereinstimmung gebracht werden. Da die Dynamik der Orthese ĂŒber die Orthesengelenke realisiert wird, ist es möglich die Orthesenschalen stabil und verwindungssteif herzustellen. Dadurch findet die Dynamik der Orthese genau dort statt, wo auch die Bewegungen durch die Anatomie im skelettalen System vorgegeben wird. Das ist fĂŒr die QualitĂ€t und Funktion der Orthese notwendig. So bietet die Orthese die notwendige StabilitĂ€t, um die durch die LĂ€hmung verloren gegangene Sicherheit beim Stehen und Gehen zurĂŒckzuerlangen.
AuĂerdem lĂ€sst sich eine Orthese durch den Einsatz von Orthesengelenken individuell konfigurieren. So kann die Orthesenfunktion ĂŒber die Kombination der Orthesengelenke und die Einstellbarkeit der Funktionselemente optimal an die funktionellen Abweichungen angeglichen werden, die sich durch das Krankheitsbild ergeben haben.cite-ref-13-8-0[8]cite-ref-5-9-0[9]cite-ref-18-10-0[10]cite-ref-14-11-0[11]cite-ref-15-12-0[12]cite-ref-17-13-0[13] Das Ziel einer qualitativ hochwertigen Orthesenversorgung ist es, die Funktionselemente so exakt an die funktionelle Abweichung anzupassen, dass die notwendige UnterstĂŒtzung durch die Orthese gegeben wird. Gleichzeitig soll die Orthese durch die einstellbare Dynamik der Orthesengelenke die Dynamik der unteren ExtremitĂ€t möglichst wenig einschrĂ€nken, um die RestfunktionalitĂ€t der Muskulatur zu fördern.
Ermittlung der Kraftgrade zur Befundung
Bei LĂ€hmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen/peripheren Nervensystems werden zur Festlegung der notwendigen Funktionen einer Orthese, im Rahmen der Patientenbefundung, vorerst die Kraftgrade der sechs groĂen Muskelgruppen des betroffenen Beines bestimmt.
1. Die Dorsalextensoren bewegen durch konzentrische Muskelarbeit den Fuà um das Sprunggelenk (Knöchel) in Richtung Dorsalextension und kontrollieren durch exzentrische Muskelarbeit die Plantarflexion.
2. Die Plantarflexoren tragen im Wesentlichen dazu bei aufrecht Stehen zu können, indem sie den VorfuĂhebel aktivieren und dadurch die GrundflĂ€che beim Stehen vergröĂern. Sie bewegen den FuĂ in Richtung Plantarflexion.
3. Die Knieextensoren strecken das Knie in Richtung Knieextension
4. Die Knieflexoren beugen das Knie in Richtung Knieflexion
5. Die HĂŒftflexoren beugen das HĂŒftgelenk in Richtung HĂŒftflexion
6. Die HĂŒftextensoren strecken das HĂŒftgelenk in Richtung HĂŒftextension und gleichzeitig das Knie in Richtung Knieextension.
Zur Bestimmung der Kraftgrade wird ein Muskelfunktionstest nach Vladimir Janda durchgefĂŒhrt. Der Grad der LĂ€hmung wird fĂŒr jede Muskelgruppe auf einer Skala von 0 bis 5 angegeben, wobei der Wert 0 eine komplette LĂ€hmung (0 %) und der Wert 5 eine normale Kraftentfaltung (100 %) angibt. Die Werte zwischen 0 und 5 geben eine prozentuale Reduzierung der Muskelfunktion an. Alle Kraftgrade kleiner 5 werden als MuskelschwĂ€che bezeichnet.
Die Kombination der Kraftgrade der Muskelgruppen bestimmt den Orthesentyp (AFO oder KAFO).
AuĂerdem ergeben sich aus den Kraftgraden der Muskelgruppen die notwendigen Funktionselemente der Orthese, die den Ausgleich der EinschrĂ€nkungen durch den verminderten Kraftgrad der jeweiligen muskulĂ€ren Funktionen ĂŒbernehmen.
Befundung bei LĂ€hmung durch Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen/peripheren Nervensystems
LĂ€hmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen oder peripheren Nervensystems sind z. B. QuerschnittlĂ€hmungen und treten auch bei Spina bifida, Poliomyelitis und der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung auf. Bei dieser Gruppe der LĂ€hmungen ist die Einbeziehung der Kraftgrade der groĂen Muskelgruppen von elementarer Bedeutung, um bei der Konfiguration der Orthese die notwendigen Orthesenfunktionen festzulegen.
Befundung bei LĂ€hmung durch Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems
LÀhmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems (z. B. Cerebralparese, SchÀdel-Hirn-Trauma, Schlaganfall und Multiple Sklerose).
Bei der Festlegung der notwendigen Funktionen einer Orthese ist es sinnvoll, die Gruppe der LĂ€hmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems von der Gruppe der LĂ€hmungen durch Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen oder peripheren Nervensystems getrennt zu betrachten. Falsche motorische Impulse vom zentralen Nervensystem resultieren hĂ€ufig in deutlich sichtbaren Abweichungen des Gangbildes.cite-ref-14[14]cite-ref-15[15] Die notwendigen Funktionen einer Orthese lassen sich in dieser Gruppe der LĂ€hmungen deshalb nur bedingt ĂŒber die Ermittlung der Kraftgrade der sechs groĂen Muskelgruppen festlegen. Selbst bei Ergebnissen mit hohen Kraftgraden können bei diesen LĂ€hmungen aufgrund der Fehlsteuerungen des zentralen Nervensystems Störungen des Gangbildes erkennbar sein.
Cerebralparese und SchÀdel-Hirn-Trauma
Bei gehfĂ€higen Patienten mit LĂ€hmungen durch Cerebralparese und SchĂ€del-Hirn-Trauma wird zur Bestimmung der notwendigen Funktionen einer Orthese, im Rahmen der Patientenbefundung das Gangbild analysiert.cite-ref-12-16-0[16]cite-ref-17[17] Eine Möglichkeit zur Beurteilung stellt die Klassifizierung nach der âAmsterdam Gait Classificationâ dar. Nach dieser Klassifikationsmethode werden 5 Gangtypen beschrieben. Zur Beurteilung des Gangbildes wird der Patient visuell oder ĂŒber eine Videoaufzeichnung von der Seite des zu beurteilenden Beines betrachtet. Zu dem Zeitpunkt, an dem sich das zu betrachtende Bein in der mittleren Standphase befindet und das nicht zu betrachtende Bein in der mittleren Schwungphase, wird einerseits der Kniewinkel und zusĂ€tzlich der Kontakt des FuĂes zum Boden beurteilt.cite-ref-12-16-1[16]
Beim Gangtyp 1 ist der Kniewinkel normal und der FuĂkontakt vollstĂ€ndig. Beim Gangtyp 2 ist der Kniewinkel ĂŒberstreckt und der FuĂkontakt vollstĂ€ndig. Beim Gangtyp 3 ist der Kniewinkel ĂŒberstreckt und der FuĂkontakt unvollstĂ€ndig (nur auf dem VorfuĂ). Beim Gangtyp 4 ist der Kniewinkel gebeugt und der FuĂkontakt unvollstĂ€ndig (nur auf dem VorfuĂ). Beim Gangtyp 5 ist der Kniewinkel gebeugt und der FuĂkontakt vollstĂ€ndig.
Die Gangtypen 3 und 4 werden auch als Steppergang bezeichnet und der Gangtyp 5 wird auch Kauergang genannt.
Patienten mit LĂ€hmungen durch Cerebralparese oder SchĂ€del-Hirn-Trauma werden meist mit einer Knöchel-FuĂ-Orthese (AFO) versorgt. Die in der Orthese zu verwendenden Funktionselemente sind die Gleichen wie die Funktionselemente einer AFO zum Ausgleich bei LĂ€hmungen groĂer Muskelgruppen. Allerdings ist es wichtig zu verstehen, dass die Muskelgruppen nicht gelĂ€hmt sind, sondern mit falschen Impulsen vom Gehirn versorgt werden. Das kompensatorische Gangbild ist eine unbewusste Reaktion auf die fehlende Sicherheit beim Stehen oder Gehen, weshalb sich das Gangbild mit zunehmendem Alter meist verschlechtert.cite-ref-10-18-0[18] Werden die richtigen Funktionselemente in die Orthese integriert, die sowohl die physiologische Beweglichkeit erhalten, als auch Sicherheit beim Stehen und Gehen geben, können die notwendigen motorischen Impulse gesetzt werden, um neue cerebrale VerknĂŒpfungen zu schaffen.cite-ref-11-19-0[19] Das Ziel einer orthetischen Versorgung ist die bestmögliche AnnĂ€herung an das physiologische Gangbild.cite-ref-20[20]
Schlaganfall
Bei LĂ€hmungen nach einem Schlaganfall wird eine schnelle Hilfsmittelversorgung mit Orthesen angestrebt.cite-ref-21[21] HĂ€ufig sind Gehirnareale betroffen, in denen sich âProgrammeâ zur Steuerung des Bewegungsapparates befinden.cite-ref-22[22]cite-ref-23[23]cite-ref-24[24] Mit Hilfe einer Orthese soll physiologisches Stehen und Gehen wieder erlernt werden, zudem können Folgeerscheinungen durch ein falsches Gangbild verhindert werden.cite-ref-25[25] Um bei der Konfiguration der Orthese die richtigen Funktionselemente zu berĂŒcksichtigen, ist es wichtig zu verstehen, dass die Muskelgruppen nicht gelĂ€hmt, sondern vom Gehirn mit falschen Impulsen versorgt werden, weshalb ein Muskelfunktionstest nach Vladimir Janda zu falschen Ergebnisse bei der Beurteilung der Steh- und GehfĂ€higkeit fĂŒhren kann.
Eine wichtige Grundvoraussetzung zur Wiedererlangung der GehfĂ€higkeit ist es, dass der Patient frĂŒhzeitig trainiert, sicher und gut ausbalanciert beidbeinig stehen zu können. Eine Orthese mit Funktionselementen zur UnterstĂŒtzung der Balance und Sicherheit beim Stehen und Gehen, kann bereits in das Therapiekonzept integriert werden, um die ersten StehĂŒbungen zu unterstĂŒtzen. Dadurch wird die Arbeit zur frĂŒhen Mobilisierung des Patienten erleichtert. Werden die richtigen Funktionselemente in die Orthese integriert, die sowohl die physiologische Beweglichkeit erhalten, als auch Sicherheit beim Stehen und Gehen geben, können die notwendigen motorischen Impulse gesetzt werden, um neue cerebrale VerknĂŒpfungen zu schaffen.cite-ref-11-19-1[19] Klinische Studien belegen den hohen Stellenwert von Orthesen in der Schlaganfallrehabilitation.cite-ref-26[26]
Patienten mit LĂ€hmungen nach einem Schlaganfall werden hĂ€ufig mit einer Knöchel-FuĂ-Orthese (AFO) versorgt.
Nach einem Schlaganfall kann es vorkommen, dass lediglich die Dorsalextensoren mit falschen Impulsen des zentralen Nervensystems versorgt werden, was aufgrund einer unzureichenden FuĂhebung beim Gehen in der Schwungphase zur Gefahr des Stolperns fĂŒhren kann. In diesen FĂ€llen kann eine Orthese hilfreich sein, die lediglich ĂŒber Funktionselemente zur UnterstĂŒtzung der Dorsalextensoren verfĂŒgt. Eine solche Orthese wird auch FuĂheberorthese genannt. Allerdings ist es sinnvoll bei der Konfiguration einer solchen FuĂheberorthese einstellbare Funktionselemente zur Einstellung des Widerstandes zu berĂŒcksichtigen, die es ermöglichen, die passive Absenkung des VorfuĂes (Plantarflexion) bei der BelastungsĂŒbernahme an die exzentrische Arbeit der Dorsalextensoren anzupassen.cite-ref-13-8-1[8]cite-ref-5-9-1[9]
HĂ€ufig wird die Muskelgruppe der Plantarflexoren mit falschen Impulsen des zentralen Nervensystems versorgt, was zu Unsicherheit beim Stehen und Gehen fĂŒhrt. Das kompensatorische Gangbild ist eine unbewusste Reaktion auf die fehlende Sicherheit.cite-ref-10-18-1[18] Bei der Konfiguration einer Orthese mĂŒssen in diesen FĂ€llen Funktionselemente berĂŒcksichtigt werden, die die Sicherheit beim Stehen und Gehen wieder herstellen können. Eine FuĂheberorthese ist in solchen FĂ€llen nicht geeignet, um die fehlende Sicherheit wieder herzustellen, da sie nur ĂŒber Funktionselemente verfĂŒgt, die zum Ausgleich der funktionellen Abweichungen bei SchwĂ€che der Dorsalextensoren verfĂŒgt.
Bei bereits gehfĂ€higen Patienten mit LĂ€hmungen nach Schlaganfall gibt es die Möglichkeit, im Rahmen der Patientenanamnese das Gangbild zu analysieren, um die optimalen Funktionen einer Orthese zu bestimmen. Eine Möglichkeit zur Beurteilung ist die Klassifizierung nach der âN.A.P. Gait Classificationâ. N.A.P. ist ein physiotherapeutisches Behandlungskonzept.cite-ref-27[27] Nach dieser Klassifizierung werden 4 Gangtypen beschrieben. Man beurteilt das Gangbild in der Gangphase, in der sich das zu betrachtende Bein in der mittleren Standphase befindet und das nicht zu betrachtende Bein in der mittleren Schwungphase.
Im ersten Schritt wird der Patient zur Beurteilung des Gangbildes visuell oder ĂŒber eine Videoaufzeichnung von der Seite des zu beurteilenden Beines betrachtet. Beim Gangtyp 1 ist der Kniewinkel ĂŒberstreckt. Beim Gangtyp 2 ist der Kniewinkel gebeugt.
AnschlieĂend wird der Patient von vorne betrachtet. Steht der VorfuĂ auf der FuĂauĂenkante, womit eine optische O-Stellung im Knie einhergeht, wird dem Gangtyp ein a angefĂŒgt. Man bezeichnet diese FuĂstellung als Inversion. Steht der Patient auf der FuĂinnenkante, womit eine optische X-Stellung im Knie einhergeht, wird dem Gangtyp ein b angefĂŒgt. Man bezeichnet diese FuĂstellung als Eversion.
So lassen sich die Patienten nach den Gangtypen 1a, 1b, 2a oder 2b klassifizieren. Das Ziel einer orthetischen Versorgung bei gehfÀhigen Patienten ist die bestmögliche AnnÀherung an das physiologische Gangbild.
Multiple Sklerose
Bei LĂ€hmungen durch Multiple Sklerose sollten im Rahmen der Patientenbefundung, genau wie bei Erkrankungen oder Verletzungen des spinalen/peripheren Nervensystems die Kraftgrade der sechs groĂen Muskelgruppen des betroffenen Beines bestimmt werden, um die notwendigen Funktionen einer Orthese festzulegen. Jedoch kann bei Patienten mit Multipler Sklerose eine ĂŒber das physiologische MaĂ hinausgehende muskulĂ€re oder kognitive ErmĂŒdbarkeit auftreten. Diese ErmĂŒdbarkeit wird Fatigue genannt. Die Fatigue kann mehr oder weniger stark ausgeprĂ€gt sein und je nach AusprĂ€gung zu deutlichen EinschrĂ€nkungen im Alltag fĂŒhren. Anhaltende Belastungen (z. B. Gehen) rufen eine Verschlechterung der Muskelfunktion hervor und wirken sich maĂgeblich auf die rĂ€umlichen und zeitlichen Parameter beim Gehen aus, indem sich beispielsweise die Kadenz und die Schrittgeschwindigkeit deutlich verringern.cite-ref-28[28]cite-ref-29[29]cite-ref-30[30] Die Fatigue kann im Rahmen der Patientenanamnese bei der Bestimmung der Kraftgrade der sechs groĂen Muskelgruppen, durch die Anwendung eines standardisierten Gehtests berĂŒcksichtigt werden. HierfĂŒr eignet sich der 6-Minuten-Gehtest.cite-ref-31[31] Der Muskelfunktionstest nach Vladimir Janda wird in Kombination mit dem 6-Minuten-Gehtest in folgenden Schritten durchgefĂŒhrt:
1. erster Muskelfunktionstest (ohne muskulĂ€re ErmĂŒdung)
2. 6-Minuten-Gehtest und direkt im Anschluss
3. zweiter Muskelfunktionstest (mit muskulĂ€rer ErmĂŒdung)
Durch diese Abfolge aus Muskelfunktionstest und 6-Minuten-Gehtest wird geprĂŒft, ob sich eine kontrollierte muskulĂ€re ErmĂŒdung herbeifĂŒhren lĂ€sst. Sollte der Test ergeben, dass eine muskulĂ€re ErmĂŒdbarkeit vorliegt, dann sollten die Kraftgrade unter BerĂŒcksichtigung der gemessenen ErmĂŒdung bei der Festlegung der Funktionselemente in die Planung einer Orthese einflieĂen.
Funktionelle Abweichungen bei LĂ€hmung groĂer Muskelgruppen
LĂ€hmung der Dorsalextensoren â Bei LĂ€hmung der Dorsalextensoren (PeroneuslĂ€hmung) kommt es zum sogenannten FallfuĂ. Der FuĂ kann vom Patienten beim Gehen wĂ€hrend der Schwungphase nur unzureichend angehoben werden, da die dafĂŒr notwendige konzentrische Arbeit der Dorsalextensoren nicht aktiviert werden kann. Es besteht die Gefahr zu stolpern. AuĂerdem kann der Patient die StoĂdĂ€mpfung beim Gehen (Gangphase BelastungsĂŒbernahme) nicht beeinflussen, da die exzentrische Arbeit der Dorsalextensoren eingeschrĂ€nkt ist. Ăber den Fersenkipphebel klappt der VorfuĂ zu schnell auf den Boden, was ein hörbares GerĂ€usch verursacht oder der FuĂ berĂŒhrt den Boden nicht zuerst mit der Ferse, wodurch die Schrittabwicklung gestört ist.cite-ref-32[32]
LĂ€hmung der Plantarflexoren â Bei LĂ€hmung der Plantarflexoren wird der VorfuĂhebel muskulĂ€r nur unzureichend oder gar nicht aktiviert. Der Patient kann nicht im Gleichgewicht stehen und muss sich ĂŒber Hilfsmittel abstĂŒtzen. Beim Gehen geht Energie verloren. Der zum energiesparenden Gehen notwendige VorfuĂhebel in den Gangphasen von der mittleren Standphase bis zur Schwungphasenvorbereitung kann muskulĂ€r nicht aktiviert werden. Dadurch kommt es zu einer ĂŒbertriebenen Dorsalextension im Knöchelgelenk. Der Schwerpunkt des Körpers senkt sich zum Ende der Standphase ab und das Knie des kontralateralen Beines wird ĂŒbertrieben gebeugt. Bei jedem Schritt muss der Schwerpunkt ĂŒber das Bein mit dem zu stark gebeugten Knie angehoben werden. Da die Plantarflexoren ihren Ursprung ĂŒber dem Kniegelenk haben, wirken sie auch kniestreckend in der Standphase.cite-ref-33[33]
LĂ€hmung der Knieextensoren â Bei LĂ€hmung der Kniextensoren besteht ein erhöhtes Risiko zu stĂŒrzen. Die natĂŒrliche Kniebeugung wird beim Gehen (frĂŒhe Standphasen) zwischen BelastungsĂŒbernahme bis mittlere Standphase nur unzureichend oder gar nicht gesichert. Zur Kniesicherung entwickelt der Patient kompensatorische Mechanismen, die zu einem falschen Gangbild fĂŒhren. So findet der Anfangskontakt des Standbeines mit dem VorfuĂ und nicht mit der Ferse statt um die kniebeugende Wirkung des Fersenkipphebels zu umgehen. Eine weitere Möglichkeit zur Kompensation bei LĂ€hmung der Knieextensoren ist die ĂŒbertriebene Aktivierung der Plantarflexoren, wodurch das Kniegelenk in die Streckung oder sogar in die Hyperextension gezogen wird.cite-ref-34[34]
LĂ€hmung der Knieflexoren â Bei LĂ€hmung der Knieflexoren ist beim Gehen die Schwungphasenvorbereitung erschwert.cite-ref-2-35-0[35]
LĂ€hmung der HĂŒftflexoren â Bei LĂ€hmung der HĂŒftflexoren ist beim Gehen die Schwungphasenvorbereitung und das Vorschwingen des Beines in der Schwungphase erschwert.cite-ref-2-35-1[35]
LĂ€hmung der HĂŒftextensoren â Die HĂŒftextensoren unterstĂŒtzen durch die hĂŒftstreckende Wirkung die Kniesicherung gegen Kniebeugung beim Gehen (frĂŒhe Standphasen zwischen BelastungsĂŒbernahme bis mittlere Standphase). Bei LĂ€hmung der der HĂŒftextensoren besteht ein Risiko zu stĂŒrzen.cite-ref-36[36]
Funktionselemente bei LĂ€hmung groĂer Muskelgruppen
Die Funktionselemente einer Orthese sichern die Beuge- und Streckbewegungen des Knöchelgelenkes, des Kniegelenkes und des HĂŒftgelenkes. Sie korrigieren und steuern die Bewegungen und sichern die Gelenke gegen ungewollte Fehlbewegungen, z. B. um StĂŒrze beim Stehen oder Gehen zu vermeiden.
Funktionselemente bei LĂ€hmung der Dorsalextensoren â Bei LĂ€hmung der Dorsalextensoren soll eine Orthese die Funktion der FuĂhebung in der Schwungphase ĂŒbernehmen, um die Gefahr zu verringern, dass der Patient stolpert. Eine Orthese, die nur ĂŒber ein Funktionselement zur FuĂhebung verfĂŒgt, um eine isolierte schlaffe LĂ€hmung der Dorsalextensoren auszugleichen, wird auch FuĂheberorthese genannt. Sollten weitere Muskelgruppen, wie z. B. die Plantarflexoren im Kraftgrad eingeschrĂ€nkt sein, mĂŒssen weitere Funktionselemente berĂŒcksichtigt werden. Eine AFO vom Typ FuĂheberorthese ist deshalb zur Versorgung von Patienten mit eingeschrĂ€nktem Kraftgrad weiterer Muskelgruppen nicht geeignet. ZusĂ€tzlich soll ĂŒber die FuĂhebung durch die Orthese ein Anfangskontakt mit der Ferse erreicht werden. Bei geringen Kraftgraden der Dorsalextensoren sollten auĂerdem dynamische Funktionselemente, bei denen der Widerstand der Plantarflexion eingestellt werden kann, die Kontrolle der VorfuĂabsenkung ĂŒbernehmen. Sie sollten an die funktionelle Abweichung der Dorsalextensoren angepasst werden können, um in der Gangphase der BelastungsĂŒbernahme die StoĂdĂ€mpfung ĂŒber den Fersenkipphebel der Orthese zu korrigieren, ohne dabei die Plantarflexion zu blockieren. Statische Funktionselemente mit einer Blockierung der Plantarflexion des Knöchelgelenkes, fĂŒhren wĂ€hrend der BelastungsĂŒbernahme zu einer ĂŒbertriebenen Flexion im Knie- und HĂŒftgelenk und dadurch zu einem erhöhten Energieverbrauch beim Gehen, weshalb eine solche technische Lösung aufgrund neuerer technischer Alternativen nicht empfehlenswert ist.cite-ref-13-8-2[8]cite-ref-37[37]cite-ref-38[38]cite-ref-19-39-0[39]
Funktionselemente bei LĂ€hmung der Plantarflexoren â Zum Ausgleich des verringerten Kraftgrades der Plantarflexoren muss die Orthese groĂe KrĂ€fte ĂŒbernehmen, die sonst die krĂ€ftige Muskelgruppe der Plantarflexoren ĂŒbernimmt. Die KrĂ€fte in der Orthese werden ganz Ă€hnlich wie bei einem Skistiefel beim Skiabfahrtslauf ĂŒber die Funktionselemente FuĂteil, Knöchelgelenk und Unterschenkelschale ĂŒbernommen. Vorzugsweise sollten dynamische Funktionselemente zur Sicherung der Dorsalextension im Bereich des Knöchelgelenkes eingesetzt werden. Statische Funktionselemente wĂŒrden die Dorsalextension komplett blockieren. Eine komplette Blockierung der Dorsalextension mĂŒsste durch Kompensationsbewegungen im Oberkörper ausgeglichen werden, was einen erhöhten Energieaufwand beim Gehen zur Folge hĂ€tte.cite-ref-14-11-1[11] Der Widerstand des Funktionselementes zur Sicherung gegen eine ungewollte Dorsalextension sollte dem Kraftgrad der Plantarflexoren angepasst werden können. Bei sehr geringem Kraftgrad der Plantarflexoren muss der Widerstand des Funktionselementes zur Sicherung gegen die ungewollte Dorsalextension sehr groĂ sein, um die eingeschrĂ€nkte Funktion der Plantarflexoren ausgleichen zu können.cite-ref-13-8-3[8]cite-ref-14-11-2[11]cite-ref-15-12-1[12] Einstellbare Funktionselemente einer Orthese ermöglichen die exakte Anpassung des Widerstandes an den Kraftgrad und wissenschaftliche Studien kommen zu den Empfehlungen, dass der Widerstand der Orthese bei Patienten mit einer LĂ€hmung oder SchwĂ€chung der Plantarflexoren einstellbar sein sollte.cite-ref-5-9-2[9]cite-ref-18-10-1[10]
Funktionselemente bei LĂ€hmung der Knieextensoren und HĂŒftextensoren â Bei LĂ€hmung der Knieextensoren oder der HĂŒftextensoren muss die Orthese die fehlende Kniesicherung ĂŒbernehmen. Je nach Kraftgrad dieser beiden Muskelgruppen werden unterschiedliche kniesichernde Funktionselemente in die Orthese integriert. Zum Ausgleich fehlender Funktionen bei mittleren Werten des Kraftgrades können frei bewegliche mechanische Kniegelenke mit Verlagerung des mechanischen Drehpunktes hinter den anatomischen Kniedrehpunkt ausreichend sein. Bei geringen Werten des Kraftgrades muss die knieflektierende Wirkung beim Gehen (frĂŒhe Standphasen zwischen BelastungsĂŒbernahme bis mittlere Standphase) durch Funktionselemente ĂŒbernommen werden, die das Kniegelenk mechanisch gegen ungewollte Knieflexion sichern. Dabei können Standphasensicherungsgelenke zum Einsatz kommen. Diese sperren das Kniegelenk in den frĂŒhen Standphasen und geben das Kniegelenk bei der Schwungphasenvorbereitung zur Kniebeugung frei. Mit Standphasensicherungsgelenken kann auf diese Weise trotz mechanischer Sicherung gegen ungewollte Kniebeugung ein natĂŒrliches Gangbild erreicht werden. HĂ€ufig werden in diesen FĂ€llen auch gesperrte Kniegelenke eingesetzt, die zwar eine gute Sicherungsfunktion haben, allerdings die Kniebeugung beim Gehen in der Schwungphase nicht freigeben. Das Kniegelenk bleibt in der Schwungphase mechanisch blockiert. Patienten mit gesperrten Kniegelenken mĂŒssen das Bein auch in der Schwungphase mit steif gestelltem Bein nach vorne schwingen. Das gelingt nur, wenn der Patient kompensatorische Mechanismen entwickelt, z. B. durch Anhebung des Körperschwerpunktes in der Schwungphase (Duchenne-Hinken) oder durch seitliches Ausschwingen des Orthesenbeins (Zirkumduktion). Standphasensicherungsgelenke und gesperrte Gelenke können mechanisch âentriegeltâ werden, so dass das Kniegelenk zum Sitzen gebeugt werden kann.cite-ref-17-13-1[13]
Knöchel-FuĂ-Orthese (AFO) im Bereich der LĂ€hmungsorthesen
AFO ist die AbkĂŒrzung fĂŒr ankle-foot orthoses; englische Bezeichnung fĂŒr eine Orthese, die das Knöchelgelenk und den FuĂ umspannt.cite-ref-3-1-4[1] Eine AFO wird im deutschen Sprachgebrauch auch Unterschenkelorthese genannt.cite-ref-6-40-0[40] Im Bereich der LĂ€hmungsorthesen wird eine AFO vorwiegend bei EinschrĂ€nkungen der Dorsalextensoren oder der Plantarflexoren eingesetzt.cite-ref-19-39-1[39]cite-ref-4-41-0[41] Das Knöchelgelenk bildet die Verbindung zwischen der FuĂschale und der Unterschenkelschale und kann gleichzeitig alle notwendigen verstellbaren Funktionselemente einer AFO enthalten.
Sollte eine isolierte LĂ€hmung der Dorsalextenoren ohne FunktionseinschrĂ€nkung der anderen Muskelgruppen vorliegen, kann eine AFO indiziert sein, in die lediglich ein Funktionselement zum Anheben des VorfuĂes integriert wird, damit der Patient stolperfrei gehen kann. Eine solche AFO wird auch FuĂheberorthese genannt.cite-ref-42[42]
Sind die Kraftgrade von weiteren Muskelgruppen, wie zum Beispiel die Plantarflexoren eingeschrĂ€nkt, mĂŒssen zusĂ€tzliche Funktionselemente berĂŒcksichtigt werden. Eine AFO vom Typ FuĂheberorthese ist in solchen FĂ€llen ungeeignet.
Zum Ausgleich einer LĂ€hmung der Dorsalextensoren und der Plantarflexoren können die Orthesenfunktionen ĂŒber dynamische Funktionselemente je nach Kombination der LĂ€hmungsgrade der beiden Muskelgruppen im Knöchelgelenk der Orthese integriert werden. Die notwendige Beweglichkeit und der Bewegungswiderstand im Sprunggelenk sollten sich ĂŒber einstellbare Funktionselemente im Sprunggelenk der Orthese gezielt anpassen lassen. So kann die Orthese die MuskelschwĂ€chen ausgleichen, um beim Stehen und Gehen Sicherheit zu geben und gleichzeitig gröĂtmögliche MobilitĂ€t zuzulassen. Beispielsweise können einstellbare Federeinheiten mit Vorkomprimierung eine exakte Anpassung des statischen Grundwiderstandes und des dynamischen Bewegungswiderstandes an den gemessenen MuskelschwĂ€chegrad ermöglichen. Studien zeigen die positiven Auswirkungen dieser Technologien.cite-ref-13-8-4[8]cite-ref-18-10-2[10]cite-ref-14-11-3[11]cite-ref-15-12-2[12]cite-ref-43[43] Es ist von groĂem Vorteil, wenn die WiderstĂ€nde fĂŒr diese beiden Funktionselemente getrennt einstellbar sind.cite-ref-5-9-3[9]
Eine maĂgefertigte AFO kann die Funktionsabweichungen der genannten Muskelgruppen ausgleichen. Sie sollte anhand der Patientendaten durch eine Funktions- und Belastungsberechnung so konfiguriert werden, dass sie den funktionellen Anforderungen und den Belastungen entspricht. Bei der Berechnung bzw. Konfiguration werden Funktionsvarianten hinsichtlich der Funktionselemente im Bereich des Sprunggelenks, der Steifigkeit der FuĂschale und der Form der Unterschenkelschale optimal auf die individuellen Anforderungen abgestimmt. Die GröĂe der verwendeten Komponenten wird durch Berechnung ihrer Belastbarkeit passend zu den Belastungsdaten ausgewĂ€hlt.
Eine AFO mit Funktionselementen zum Ausgleich der LĂ€hmung der Plantarflexoren kann auch bei LĂ€hmungen mit leicht reduziertem Kraftgrad der kniesichernden Muskelgruppen, den Knieextensoren und den HĂŒftextensoren, eingesetzt werden.
Knie-Knöchel-FuĂ-Orthese (KAFO) im Bereich der LĂ€hmungsorthesen
KAFO ist die AbkĂŒrzung fĂŒr knee-ankle-foot orthoses; englische Bezeichnung fĂŒr eine Orthese, die das Knie, das Knöchelgelenk und den FuĂ umspannt.cite-ref-3-1-5[1] Eine KAFO wird im deutschen Sprachgebrauch auch Oberschenkelorthese genannt.cite-ref-6-40-1[40] Im Bereich der LĂ€hmungsorthesen wird eine KAFO bei EinschrĂ€nkungen der Knieextensoren oder HĂŒftextensoren eingesetzt.cite-ref-4-41-1[41]cite-ref-44[44]cite-ref-45[45] Das Orthesengelenk auf Höhe des Knöchelgelenkes bildet die Verbindung zwischen der FuĂschale und der Unterschenkelschale und das Orthesengelenk auf Höhe des Kniegelenkes bildet die Verbindung zwischen der Unterschenkelschale und der Oberschenkelschale.
Eine KAFO kann grob in drei Varianten untergliedert werden. Diese Varianten unterscheiden sich im Wesentlichen ĂŒber die Funktion des eingesetzten mechanischen Kniegelenkes: âKniegelenk gesperrtâ, âKniegelenk nicht gesperrtâ oder âKniegelenk gesperrt und entsperrtâ.
KAFO mit gesperrtem Kniegelenk - Das mechanische Kniegelenk einer KAFO mit gesperrtem Kniegelenk ist beim Stehen gesperrt und auch beim Gehen sowohl in der Standphase, als auch in der Schwungphase gesperrt, um die notwendige StabilitĂ€t beim Stehen und Gehen zu erreichen. Zum Sitzen kann der Anwender das Kniegelenk entsperren. Beim Gehen mit einer KAFO mit gesperrtem Kniegelenk ist es fĂŒr den Anwender schwierig, das Bein in der Schwungphase nach vorne zu schwingen. Um nicht zu stolpern, muss das Bein seitlich zur Bewegungsrichtung in Form eines Kreisbogens nach vorne geschwungen werden (Zirkumduktion) oder die HĂŒfte des betroffenen Beines muss unnatĂŒrlich angehoben werden, um das Vorschwingen des steif gestellten Beines auf diese Weise zu erreichen. Jede dieser falschen Gangbilder können zu Folgekrankheiten im Knochen- und Muskelsystem fĂŒhren. In jedem Fall fĂŒhren solche kompensatorischen Bewegungsmuster zu einem erhöhten Energieverbrauch beim Gehen. In dem Film Forrest Gump wird eindrucksvoll dargestellt, wie die Hauptfigur Forrest Gump durch solche Orthesen in seinem Bewegungsdrang zusĂ€tzlich behindert wird. Jahrhundertelang wurde eine KAFO mit mechanischen Kniegelenken gebaut, die das Knie des gelĂ€hmten Beins steif stellten. Auch heutzutage sind derartige orthetische Versorgungen noch ĂŒblich. Typische Benennungen fĂŒr eine KAFO mit gesperrtem Kniegelenk sind unter anderem âKAFO mit Schweizer Sperreâ oder âKAFO mit Fallschlosssperreâ.
KAFO mit nicht gesperrtem Kniegelenk - Das mechanische Kniegelenk einer KAFO mit nicht gesperrtem Kniegelenk ist beim Stehen frei beweglich und auch beim Gehen sowohl in der Standphase, als auch in der Schwungphase frei beweglich, um ein stolperfreies Durchschwingen des Beins mit der dafĂŒr notwendigen Kniebeugung von ca. 60° zu ermöglichen. Zum Sitzen braucht der Anwender das Kniegelenk nicht entsperren. Eine KAFO mit nicht gesperrtem Kniegelenk kann lĂ€hmungsbedingte Unsicherheiten beim Stehen und Gehen nur im geringen MaĂe ausgleichen. Um die Sicherungsfunktion zu erhöhen, kann ein Orthesenkniegelenk mit einer RĂŒckverlagerung des Drehpunktes in der KAFO eingebaut werden. Allerdings sollte auch eine KAFO mit nicht gesperrtem Kniegelenk und DrehpunktrĂŒckverlagerung nur bei geringfĂŒgiger LĂ€hmung der Knie- und HĂŒftextensoren eingesetzt werden. Bei schwerwiegenderen LĂ€hmungen mit geringen Kraftgraden dieser Muskelgruppen besteht ein erhebliches Risiko zu stĂŒrzen. Eine typische Benennung fĂŒr eine KAFO mit nicht gesperrtem Kniegelenk ist unter anderem âKAFO mit Kniegelenk zur BewegungsfĂŒhrungâ.
KAFO mit gesperrtem und entsperrtem Kniegelenk - Das mechanische Kniegelenk einer KAFO mit gesperrtem und entsperrtem Kniegelenk ist beim Gehen in der Standphase gesperrt.cite-ref-46[46] In der Standphase wird so die notwendige StabilitĂ€t und Sicherheit fĂŒr den Anwender erreicht. In der Schwungphase wird das Kniegelenk automatisch entsperrt. Durch die Entsperrung in der Schwungphase kann das Bein stolperfrei durchgeschwungen werden. Um ohne Kompensationsmechanismen stolperfrei und energieeffizient gehen zu können, sollte das eingesetzte mechanische Kniegelenk in der Schwungphase eine Kniebeugung von ca. 60° ermöglichen. Erste vielversprechende Entwicklungen von automatischen Kniegelenken, bzw. Standphasensicherungs-Kniegelenken entstanden in den 1990er Jahren. Anfangs waren es automatisch mechanische Konstruktionen, welche die Sperrung und Entsperrung ĂŒbernahmen. Inzwischen werden automatisch elektromechanische und automatisch elektrohydraulische Systeme angeboten, die das Stehen und Gehen immer sicherer und komfortabler werden lassen. FĂŒr eine KAFO mit gesperrtem und entsperrtem Kniegelenk werden diverse Benennungen verwendet. Typische Benennungen sind âKAFO mit automatischem Kniegelenkâ oder âKAFO mit Standphasensicherungs-Kniegelenkâ. In wissenschaftlichen Artikeln wird hĂ€ufig die englische Benennung Stance-Control-Orthoses SCO verwendet. Dadurch ist auch die deutsche Ăbersetzung Standphasenkontrollierte Orthese ĂŒblich geworden. Die beiden zuletzt genannten Benennungen weichen von der Klassifikation der ICS ab, weshalb eine der beiden zuerst genannten Benennungen vorzuziehen sind.
Die Funktionselemente zum Ausgleich einer LĂ€hmung der Dorsalextensoren und einer LĂ€hmung der Plantarflexoren können ĂŒber dynamische Funktionselemente je nach Kombination der LĂ€hmungsgrade der beiden Muskelgruppen im Knöchelgelenk der Orthese integriert werden. Es ist von groĂem Vorteil, wenn die WiderstĂ€nde fĂŒr diese beiden Funktionselemente getrennt einstellbar sind.cite-ref-5-9-4[9]
Die Funktionselemente zum Ausgleich einer LĂ€hmung der kniesichernden Muskelgruppen, den Knieextensoren und den HĂŒftextensoren, werden ĂŒber kniesichernde Funktionselemente im Kniegelenk der Orthese integriert.
Ăber die Kombinationsvielfalt unterschiedlicher Varianten bei der Steifigkeit der FuĂschale, den unterschiedlichen Varianten der Funktionselemente eines dynamischen Knöchelgelenkes, den Varianten bei der Form der Unterschenkelschale und den Funktionselementen eines Kniegelenkes kann eine KAFO die EinschrĂ€nkungen der benannten Muskelgruppen ausgleichen.cite-ref-4-41-2[41]
HĂŒft-Knie-Knöchel-FuĂ-Orthese (HKAFO) im Bereich der LĂ€hmungsorthesen
HKAFO ist die AbkĂŒrzung fĂŒr hip-knee-ankle-foot orthoses; englische Bezeichnung fĂŒr eine Orthese, die das HĂŒftgelenk, das Knie, das Knöchelgelenk und den FuĂ umspannt.cite-ref-3-1-6[1] Im Bereich der LĂ€hmungsorthesen wird eine HKAFO bei EinschrĂ€nkungen der beckenstabilisierenden Rumpfmuskulatur eingesetzt.cite-ref-4-41-3[41]cite-ref-47[47]
Entlastungsorthesen
Entlastungsorthesencite-ref-48[48] werden z. B. sowohl bei Degeneration als auch nach Verletzungen von Gelenken eingesetzt. Dazu gehören z. B. BÀnderrisse und Verschleià von Gelenken. Auch nach Operationen, wie einem vollstÀndigen Ersatz eines Gelenkes oder Operationen an der Gelenkstruktur oder anderweitigen Operationen an knöchernen, muskulÀren Strukturen oder Operationen an den GelenkbÀndern werden Entlastungsorthesen eingesetzt.cite-ref-7-49-0[49]cite-ref-8-50-0[50]
Entlastungsorthesen werden auch zur Fixierung z. B. bei Formfehlern oder Deformationen eingesetzt. Einlagen in Schuhen z. B. können eine Funktion zur Reklination haben.
Knöchel-FuĂ-Orthese (AFO) im Bereich der Entlastungsorthesen
AFO ist die AbkĂŒrzung fĂŒr ankle-foot orthoses; englische Bezeichnung fĂŒr eine Orthese, die das Knöchelgelenk und den FuĂ umspannt.cite-ref-3-1-7[1] Eine AFO wird im deutschen Sprachgebrauch auch Sprunggelenkorthese, Knöchelorthese oder Unterschenkelorthese genannt.cite-ref-6-40-2[40]cite-ref-9-51-0[51] Im Bereich der Entlastungsorthesen wird eine AFO z. B. bei Verletzungen der BĂ€nder eingesetzt, die das Sprunggelenk stabilisieren.cite-ref-9-51-1[51]
Knie-Knöchel-FuĂ-Orthese (KAFO) im Bereich der Entlastungsorthesen
KAFO ist die AbkĂŒrzung fĂŒr knee-ankle-foot orthoses; englische Bezeichnung fĂŒr eine Orthese, die das Knie, das Knöchelgelenk und den FuĂ umspannt.cite-ref-6-40-3[40] Eine KAFO wird im deutschen Sprachgebrauch auch Oberschenkelorthese genannt.cite-ref-1-2-1[2] Im Bereich der Entlastungsorthesen kann eine KAFO z. B. nach einem operativen Ersatz des Kniegelenkes eingesetzt werden.cite-ref-7-49-1[49]
Knie-Orthese (KO) im Bereich der Entlastungsorthesen
Der Drehpunkt des anatomischen Kniegelenkes wandert aufgrund der Gelenkform und der Verbindung durch die KreuzbĂ€nder auf einer Polkurve. Da sich dieser Drehpunkt nicht bei jedem Menschen auf der gleichen Polkurve bewegt, wird zum Bau einer Knieorthese ein Kompromissdrehpunkt berechnet. Um den Bandapparat des Kniegelenkes nicht unnötig zu belasten, werden bei der Herstellung einer Knieorthese Gelenke eingesetzt, deren Drehpunkt bei Beuge- und Streckbewegungen des Kniegelenkes Ă€hnlich der Polkurve ein wenig vor beziehungsweise zurĂŒck wandert. Der Drehpunkt dieser mechanischen Gelenke (z. B. Zahnsegmentgelenke) wird auf dem Kompromissdrehpunkt platziert. Sie dienen der gelenkigen Verbindung zwischen Unterschenkelschale und Oberschenkelschale. Bei Sportverletzungen werden Knieorthesen entweder zur langfristigen Gelenkstabilisierung oder zu einer kurzfristigen Entlastung, z. B. nach einer Kreuzbandplastik eingesetzt.cite-ref-53[53] FĂŒr die langfristige Gelenkstabilisierung werden hĂ€ufig maĂgefertigte Knieorthesen hergestellt. Je nachdem, welches Band verletzt ist, wird die Konstruktion der Knieorthese so ausgelegt, dass die Knieorthese die KrĂ€fte ĂŒbernimmt, die das beschĂ€digte Band nicht mehr ĂŒbernehmen kann.cite-ref-54[54] Ohne Operation können viele Sportarten nur noch durch die entlastende Funktion einer Knieorthese ausgeĂŒbt werden.cite-ref-8-50-1[50]
Auch bei der Volkskrankheit Gonarthrose können Knieorthesen vielfÀltig eingesetzt werden.cite-ref-55[55]
Bandagen
Bandagen, die zum Bereich der Orthesen gehören, sind so genannte StĂŒtzbandagen, die die Gelenke vor Ăberbeanspruchung schĂŒtzen sollen. Im Sport werden Bandagen zum Schutz von Knochen und Gelenken eingesetzt. Sie bestehen meistens aus Textilien, in die zum Teil stĂŒtzende Elemente eingearbeitet sind. Die stĂŒtzenden Funktionen sind im Vergleich zu LĂ€hmungs- und Entlastungsorthesen gering. Bandagen sollen auch propriozeptive Effekte erzielen. Auch die Bandagen werden nach Körperregionen klassifiziert.cite-ref-56[56]
Orthesen fĂŒr die oberen ExtremitĂ€ten
Alle Orthesen die die Hand, das Handgelenk, den Unterarm, das Ellenbogengelenk, den Oberarm oder das Schultergelenk betreffen gehören zur Kategorie der Orthesen fĂŒr die oberen ExtremitĂ€ten.cite-ref-3-1-9[1]cite-ref-57[57] Bei Patienten, die nach einem geschlossenen Oberarmschaftbruch mit einer Orthese behandelt wurden zeigten sich in einer Studie dem Ergebnis operativer Methoden vergleichbare Erfolge.cite-ref-58[58]cite-ref-59[59]
Orthesen fĂŒr den Rumpf
Man unterscheidet passive und aktive Rumpforthesen. Passive Rumpforthesen sind sogenannte StĂŒtzkorsetts, die vorrangig die Aufgabe der Entlastung, UnterstĂŒtzung und Bettung vorwiegend bei Schmerzpatienten und Patienten mit instabilen WirbelsĂ€ulen haben. Die aktiven RĂŒckenorthesen sollen zur aktiven Korrektur der Fehlstatik der WirbelsĂ€ule z. B. bei Skoliose, Kyphose, Morbus Scheuermann, Hyperlordose und Osteoporose animieren. Dies geschieht am wirksamsten zur Wachstumslenkung bei Kindern und Jugendlichen. Aber auch Erwachsene können mit aktiven Rumpforthesen Haltungsverbesserung und Schmerzlinderung bei WirbelsĂ€ulenproblemen erreichen. Passive StĂŒtzkorsette sind zwar bequemer, können jedoch eine SchwĂ€chung der RĂŒckenmuskulatur und damit eine gewisse AbhĂ€ngigkeit verursachen. OrthopĂ€dische Korsette werden als Rumpf- bzw. RĂŒckenorthesen bezeichnet.
Orthesen fĂŒr den Kopf
Alle Orthesen, die den Kopf betreffen, gehören in die Kategorie der Orthesen fĂŒr den Kopf, zum Beispiel eine Art Helm zur Korrektur einer SchĂ€delasymmetrie.cite-ref-61[61] Orthesen, die den Hals (Cervicalbereich) betreffen, gehören nicht in die Kategorie der Orthesen fĂŒr den Kopf.cite-ref-3-1-11[1]
Nachteile und Risiken von herkömmlichen Orthesen gegenĂŒber modernen Orthesen
Ein Nachteil und Risiko von herkömmlichen Orthesen ist, dass hĂ€ufig die Ruhigstellung von Gelenken angestrebt wurde, was zugleich die Muskulatur um das Gelenk herum schwĂ€cher werden lĂ€sst.cite-ref-62[62] DemgegenĂŒber haben Orthesenfunktionen ĂŒber dynamische Funktionselemente den Nachteil, dass diese zusĂ€tzlichen Aufwand fĂŒr die Patienten verursachen, da diese schwerer sein können, als herkömmliche Orthesen. Moderne Materialien und moderne Herstellungstechniken können diesen Nachteil allerdings nahezu ausgleichen. Es gibt FĂ€lle, bei denen Orthesen wie FuĂheberorthesen zwar eine hervorragende Möglichkeit zur Kompensation der mit der FuĂheberschwĂ€che verbundenen MuskelschwĂ€che sind, jedoch keine vollstĂ€ndige Genesung fördern. Im Jahr 2006 fĂŒhrten Romkes et al. an der Uniklinik Basel vergleichende Ganganalysen durch. Dabei maĂen sie elektromyographisch die MuskelaktivitĂ€t des M. tibialis anterior beim Tragen einer herkömmlichen Orthese, einer sogenannten âHinged AFO (HAFO)â, mit gelenkiger Verbindung. Diese gelenkige Verbindung ist jedoch kein modernes Orthesengelenk mit integrierten Funktionselementen. Diese herkömmliche Orthese reduzierte die MuskelaktivitĂ€t gegenĂŒber dem BarfuĂgehen bei wichtigen Abrollbewegungen wie dem Fersenauftritt um bis zu ĂŒber 50 Prozent.cite-ref-63[63] Anstatt die betroffenen Nervenbahnen zu rehabilitieren, behandeln herkömmliche Orthesen zumeist rein die Ă€uĂerlichen physischen Symptome. Patienten mit herkömmlichen Orthesen mĂŒssen ihr Gehirn dann nicht mehr fĂŒr die Ansteuerung bestimmter Funktionsbereiche nutzen, wie beispielsweise die mit dem Anheben der Zehen verbundenen Nervenbahnen. So werden ĂŒber einen langen Zeitraum diese ungenutzten Nervenbahnen zunehmend schwĂ€cher. Dies kann zu einer erlernten Nichtverwendung fĂŒhren, bei der das Gehirn bemerkt, dass es eine Funktion nicht mehr durchfĂŒhren muss, und sich entscheidet, dass die Aufrechterhaltung dieser FĂ€higkeit nicht mehr notwendig ist.cite-ref-64[64] DemgegenĂŒber fördern moderne Orthesen mit gut ausgewĂ€hlten Funktionselementen die PlastizitĂ€t des neurologischen Systems.
Rechtsanspruch auf die Versorgung mit einer Orthese
Der Rechtsanspruch auf die Versorgung mit einer Orthese ist in den jeweiligen Staaten unterschiedlich geregelt.
Deutschland
In Deutschland wird der Rechtsanspruch zur Ăbernahme der Kosten durch die gesetzliche Krankenversicherung fĂŒr Orthesen ĂŒber das Sozialgesetzbuch (SGB) § 33 Hilfsmittel geregelt.cite-ref-65[65]
Auch eine maĂgefertigte Orthese ist ein orthopĂ€disches Hilfsmittel. Der Versicherte hat Anspruch auf die Versorgung mit einer maĂgefertigten Orthese, wenn sie erforderlich ist um den Erfolg der Krankenbehandlung zu sichern, einer drohenden Behinderung vorzubeugen oder eine Behinderung auszugleichen.
Der Versicherte darf nach § 33 Absatz 6 den Leistungserbringer, also das SanitĂ€tshaus, bzw. die OrthopĂ€dische Werkstatt frei wĂ€hlen. Der behandelnde Arzt oder die Krankenkasse dĂŒrfen die medizinische Verordnung weder einem Leistungserbringer zuweisen, noch darf der Versicherte dahingehend beeinflusst werden, Verordnungen bei einem Leistungserbringer einzulösen, sofern die medizinische Notwendigkeit im Einzelfall keine Empfehlung notwendig macht.
Die Versorgung mit einer maĂgefertigten Orthese und deren Einzelkomponenten ist im Hilfsmittelverzeichnis unter der Produktgruppe 23.99.xx.xxx erfasst.cite-ref-66[66] Damit sind die grundlegenden Voraussetzungen von § 139 Absatz 1 fĂŒr die Versorgung mit einer maĂgefertigten Orthese erfĂŒllt.cite-ref-67[67]cite-ref-68[68] Die Orthese muss die in § 139 Absatz 2 definierten Anforderungen an die QualitĂ€t der Versorgung und der eingesetzten Produkte erfĂŒllen.
Eine Fehlinformation der kassenĂ€rztlichen Vereinigung, die zu einer weiterhin weit verbreiteten FehleinschĂ€tzung bei den niedergelassenen Ărzten fĂŒhrte, wurde vom Bundesfachverband Medizinprodukteindustrie (BVMed) richtiggestellt. Die Verordnung von Orthesen belasten nicht das Arznei-, Verband- oder Heilmittelbudget.cite-ref-69[69]
Ăsterreich
Schweiz
Siehe auch
Weblinks
Commons
: Orthese
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Literatur von und ĂŒber Orthese im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
cite-note-3-11. â International Organization for Standardization: Prosthetics and orthotics. Hrsg.: International Organization for Standardization. Part 3: Terms relating to orthoses, ISO 854-3:2020, 2020 (englisch, iso.org [abgerufen am 31. Mai 2021]).
cite-note-1-22. â Dietrich Hohmann, Ralf Uhlig: OrthopĂ€dische Technik. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1990, ISBN 3-432-82508-0, S. 53.
cite-note-33. â Orthoprothesen. In: UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg. Abgerufen am 22. Januar 2024.
cite-note-0-44. â Dietrich Hohmann, Ralf Uhlig: OrthopĂ€dische Technik. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1990, ISBN 3-432-82508-0, S. 14.
cite-note-55. â Dietrich Hohmann, Ralf Uhlig: OrthopĂ€dische Technik. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1990, ISBN 3-432-82508-0, S. 54.
cite-note-66. â Dietrich Hohmann, Ralf Uhlig: OrthopĂ€dische Technik. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1990, ISBN 3-432-82508-0, S. 55â57.
cite-note-16-77. â MA Brehm, A Beelen, CAM Doorenbosch, J Harlaar, F Nollet: Effect of carbon-composite knee-ankle-foot orthoses on walking efficiency and gait in former polio patients. In: Journal of Rehabilitation Medicine. Band 39, Nr. 8, 2007, ISSN 0001-5555, S. 651â657, doi:10.2340/16501977-0110 (amsterdamumc.org [abgerufen am 6. August 2021]).
cite-note-13-88. â Toshiki Kobayashi, Aaron K.L. Leung, Yasushi Akazawa, Stephen W. Hutchins: The effect of varying the plantarflexion resistance of an ankle-foot orthosis on knee joint kinematics in patients with stroke. In: Gait & Posture. Band 37, Nr. 3, MĂ€rz 2013, ISSN 0966-6362, S. 457â459, doi:10.1016/j.gaitpost.2012.07.028 (sciencedirect.com [abgerufen am 12. Juli 2021]).
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